Wandernde Menschen im Schnee, Foto von Helmut Liebelt
Tradition.Reloaded!

Out of tradition: Zeitreise durchs Zillertal

Es war einmal im Zillertal, vor vielen hundert Jahren. An einem Ort der damals noch keinen Namen hat, weil es ihn noch gar nicht gibt. Dort, wo sich die vier uralten Gründe (hochgelegene Seitentäler im Volksmund) von Zemmtal, Stilluptal, Zillergrund und Tuxertal treffen, öffnen sich die massiven Gebirgskämme der Alpen zu einem imposanten Talkessel. Hier wäre ein schöner Ort zum Leben, wird sich wohl mancher Wanderer gedacht haben, wenn er Richtung Süden den Weg über die Alpen nahm. Heute liegt hier Mayrhofen, auf 633 Metern über dem Meer, mitten in den Bergen. Damals erzählte man sich hier aber noch vom “Cilarestal” – erstmals urkundlich erwähnt von König Arnulf, Herzog von Bayern, im Jahre 889.

Es werde Tirol.

Zwischen den Bäumen und Wäldern glitzern beim Wandern unzählige Wasserfälle. Die ungezähmten Wasseradern der abschmelzenden Gletscherzungen fraßen vielerorts tiefe Furchen in die Landschaft – (imposanter Wandertipp: Die Krimmler Wasserfälle).  Aus luftigen Höhen wälzen sie sich den Felsen hinab, bis sie sich tief unten am Talboden wieder treffen. Hier fließen die Adern der Gletscher zusammen, hier entspringt der Ziller, und gibt dem Tal bis heute seinen Namen. Einst bildete er die Grenze zwischen den zwei römischen Provinzen Rätien und Noricum, dann diversen Grafschaften (Andechs, Rottenburg, Tirol) und schließlich zwischen den mittelalterlichen Bundesländern (und Erzdiözesen) zu Tirol und Salzburg.

Schon früh erkennen die Menschen die einzigartigen Qualitäten vor Ort – üppige Wälder und sonnige Bergwiesen, kristallklares Wasser und eine beeindruckende natürliche Artenvielfalt bei Wildtieren und -pflanzen. Die Menschen lassen sich nieder, wertvolle Ressourcen und die besondere Lage entfachen um das Zillertal so fast tausend Jahre Tauziehen. Volksheld Andreas Hofer kämpft für die Vereinigung mit Tirol, unterliegt Napoleon schlussendlich doch und wird im Februar 1810 in Mantua erschossen – man erinnert sich bis heute. Erst 1816 werden das salzburgerische Ziller- und Brixental auf allerhöchste Anordnung von Kaiser Franz I. endgültig mit Tirol vereint. Die Zillertaler freut’s, denn eine Grenze hatte man hier nie gesehen – nur Nachbarn.

Die wilden Jahre.

Speichersee im Zillergrund
Einer der imposanten Speicherseen in den Zillertaler Alpen. (Foto: Fabian Jung)

Mayrhofen ist eine der ältesten Tiroler Tourismusgemeinden. Davon zeugt auch die dampfbetriebene Zillertalbahn, die Urlaubsgäste von Nah und Fern seit Ende der 1860er durch das malerische Tal führt. Die atemberaubende Naturkulisse des Zillertals formten die Jahrtausende: Eiszeiten und riesige Gletscher schliffen die Täler in ihre heutige Form und schoben dort, wo heute Mayrhofen liegt, einen Schuttkegel zusammen.

Bevor die Menschen das Schmelzwasser in drei riesige Speicher fassten (Schlegeisspeicher, Speicher Stillup und Speicher Zillergrund), standen im steilen Gelände bei starken Regenfällen Muren und Erdrutsche an der sommerlichen Tagesordnung. Wo man im Winter dann vor dem Regen Ruhe hatte, waren es Schnee und Lawinen, die den Zillertaler Bergbauern das Leben schwer machten. Doch als nach dem zweiten Weltkrieg der Tourismus das Zillertal um 1950 entgültig erschließt, kommt eine ganz neue Wirtschaft ins Rollen. Viele Bergbauern öffnen ihre Höfe für Gäste, bauen bald Hotels, Liftanlagen und Lawinensicherungen. Bemerkenswert: Trotz stetiger Weiterentwicklungen und Modernisierungen blieb der urtypische Dorfcharakter bis heute erhalten.

Alte Geschichten.

Wer im Zillertal wandern geht, der findet überall Geschichten. Wer zuhört, der findet vielleicht noch mehr. Zum Beispiel im über 400 Jahre alten Bauernhof “Zum Griena” – gebaut irgendwann Mitte des 17. Jahrhunderts, heute ein uriger Gasthof. Oder in der Pfarrkirche von Mayrhofen, wo “Die Rose von Jericho” zu bewundern ist, ein Deckengemälde des berühmten Tiroler Künstlers Max Weiler. In der Erlebnissennerei Zillertal, wo man die köstlichen Käsespezialitäten der Region geschichtlich und geschmacklich erfahren kann. Und auch in vielen kleinen Handwerksbetrieben, die ihre Traditionskunst bis heute weiterführen: Federkiel-Stickerei (hier reine Männersache) für die typische Trachtenkleidung oder urige Walklodenschuhe wie den “Doggl” (gefertigt aus mehreren Schichten Wollfilz, mit “Roggenpapp” verklebt – einer Mischung aus Roggenmehl und Wasser).

Alter Mann mit Schnurrbart
Die alten Jahre erzählen die allerschönsten Geschichten – man muss nur zuhören.

Die Geschichte(n) im Zillertal formten die Generationen – über Jahrhunderte voller alpiner Herausforderungen und Zeiten voller Entbehrlichkeit. Die Zillertaler kennen ihr Tal gut und teilen die Geschichten gern mit ihren Gästen. Das bäuerliche Leben im Einklang mit der Natur war hier lange auch ein Überleben mit den Urgewalten. Heute misst die Marktgemeinde Mayrhofen 3858 Einwohner – die vielen Tourismusgäste noch gar nicht mitgezählt. Die Urgewalten der Gletscher sind heute ein beliebtes Urlaubs- und Erholungsziel. Die unzähligen Geschichten können hier lange Abende füllen: Warum die Kirchendächer auf beiden Talseiten des Ziller unterschiedliche Farben haben? Setz dich her und hör gut zu!

Walk with me.

Land der Berge, Land der Täler, singt die österreichische Bundeshymne. Im Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen klingen diese Worte lange nach: Dort, wo etwas weiter hinten im Tal die massiven Gebirgskämme der Tuxer Alpen im Norden auf die Ausläufer der Kitzbühler Alpen treffen, sich der wilde Nationalpark Hohe Tauern frech von Osten dazwischen schmiegt und die schneeweißen Zillertaler Ferner (Volksmund für Gletscher) von Süden glänzen, lädt die Welt zum Wandern ein. Mittendrin Mayrhofen und ab der Haustür geht’s in die Natur. Wohin? Östlich des Speichersees am Penkenjoch schuf der Schweizer Stararchitekt Mario Botta auf 2087 Metern die ikonische Granatkapelle (inspiriert von der Form eines geschliffenen Edelsteins) – ein echtes Alpenjuwel. Ein Bauwerk ohne Menschenhand wartet in Form einer beeindruckenden Eishöle am Hintertuxer Gletscher – 25 Meter unter der Skipiste.

Auf höchstem Niveau.

Beeindruckende Naturkulisse: Die Zillertaler Alpen und ein kristallklarer Bergsee. (Foto: Eberhard Großgasteiger)

Der durchaus anspruchsvolle Aufstieg zur Hoarbergkarspitze (“Hausberg” mit 2278m) lässt sich ganzjährig ab Mayrhofen auch via Gondel bewältigen, die vier immerweißen Dreitausender im Süden (Hochfeiler – 3509m, Großer Möseler – 3480m, Schwarzenstein – 3369m und Großer Löffler 3378) sind jedoch bis heute nur wandernd zu bezwingen. Ein guter Bergführer, Schneeschuhe und ordentlich Kondition werden hier sogar von den Einheimischen empfohlen. Als alpiner Lehrpfad unterhalb der Schneegrenze führt der “Bergmähderweg” durch den Zillergrund und über blühende Almwiesen zum Kolmhaus (vorsicht köstlich!) – zur Erntezeit bekommt man dabei unterwegs einen live-Einblick in die uralte Tradition der “Bergmahd” (Mähen, mit der Sense).

Wohin man sich auch wendet, hier führen die Alpen überall in Versuchung. Im Winter auf Schnee, im Sommer auf Wanderwegen. Auf Schritt und Tritt lädt die Kulturküche zu einer Stärkung ein: Vom Ur-Zillertaler Bauernbrot über den originalen Schlegeis Speck (vom Metzger Loisl) bis zu unzähligen Käsespezialitäten. Diese typische “Tiroler Brettljause” hat sich als köstlicher Wanderproviant damals schon bewährt gemacht. Vor vielen hundert Jahren, als Mayrhofen noch keinen Namen hatte. Ein schöner Ort zum Leben, muss man sich aber wohl damals schon gedacht haben. Der Rest ist nämlich Geschichte.

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